Ayoreode-Totobiegosode
Mittwoch, 8. Juni 2005
von Bernd Wegener   

Kategorie SuedamerikaDie jahrelange Flucht der Ayoreode-Totobiegosode vor den Weißen

Im Oktober 2004 sprachen die Aregedeurasade, die in Chaidi, der neuen Siedlung im nördlichen Chaco Paraguays leben, über das Disaster, daß durch die Zivilisation über die letzten Waldnomaden herein gebrochen ist. Es ist ein Leben von ständiger Flucht von einem Ort zum Nächsten, bei dem der Hunger allgegenwärtig ist.

Aregeudate, die mit etwa 75 Jahre Älteste und Ehefrau des infolge des Kontaktes vom Frühjahr 2004 gestorbenen Aregede, von dem der Name der Gruppe stammt, sagt: „Wir werden verfolgt von mächtigen brüllenden Ungeheuren (Anm.: Bulldozern). Wir sind sehr erschrocken. Einst waren wir eine zahlreiche Gruppe° und mit Ugaguede (Anm.: legendärer Führer der unkontaktierten Totobiegosode) zusammen. Dann war der Lärm in der Nähe der Hütten. Wir sind mit großer Furcht weggelaufen zu einem anderen Ort, den wir kannten. Doch als wir dort ankamen, war nichts mehr so wie früher. Der Wald war tot (Anm.: abgeholzt).

Diese Flucht war sehr traurig, da die Männer sich von uns abgesondert hatten. Wir Frauen wußten nicht, wo Wasser war. Am nächsten Tag haben wir die Männer wieder getroffen und sind zum Platz zurück gekehrt, da die Ungeheuer weg waren. Die Männer beratschlagten, was nun werden soll. Sie wußten es nicht mehr, da überall die Bäume weg waren. Am nächsten Tag mußten wir die Schneise kreuzen, um Wasser zu holen, welches Ojuai gefunden hatte. Ich konnte zwei Nächte nicht schlafen wegen den Sorgen und der Angst. Wir haben die Hunde bellen gehört und litten ständig an Hunger. Wir konnten weder Honig, noch Schildkröten sammeln. Die Mutter einer kleinen Tochter wollte Palmherzen sammeln, aber sie hörte Schreie, so daß sie nicht ging. Ich wollte mit meinem Mann Nahrung sammeln. Es gab nicht viel zu finden. Wir hatten Angst. Als wir aus dem Wald gekommen sind (Tag des Kontaktes, 03. März 2004), war ein 17jähriges Mädchen zuvor auf der Schneise auf Spuren der Weißen gestoßen. Sie sagte: Wir müssen fliehen! Aber Wohin?

Wir dachten, daß nun die Weißen unseren wichtigen Lagerplatz besetzen. Wir wußten nicht mehr ein, noch aus. An dem Tag sahen wir ein Auto mit zwei Ayoreos und drei Weißen. Wir hatten kein Wasser und keine Nahrung und waren sehr erschöpft. Deshalb haben wir beschlossen, daß wir aus dem Wald gehen müssen um mit ihnen zu sprechen. Da die Fledermäuse nicht sangen und nicht den Tod ankündigten, hatten wir keine Furcht wie bei den Ungeheuern. Ich will nicht, daß die Weißen unser Land zerstören. Ich möchte, daß die Weißen sich mit unseren Führern verständigen, daß der Wald nicht stirbt. Wir leben von der Jagd, dem Honig und den Pflanzen. Wovon sollen wir leben?“ Esoi ist jetzt der erste Führer der 16 überlebenden Gruppenmitglieder. Er sagt: „Wir werden nicht erlauben, daß sie unseren Wald vernichten. Es ist das Land, daß von unseren Vätern genutzt wurde. Es ist für uns besser, wenn wir nach Yoteuneoi gehen. Dort gibt es einen Ort, der voll mit Wasser ist. Es ist ein guter Ort zum Aussäen“ (Anm.: die Ayoreode säen vor der Regenzeit Saatgut auf natürlichen Freiflächen im Wald aus). °

Aufgrund der ständigen Konfrontation mit der zerstörerischen Zivilsationsgesellschaft sind die letzten Waldindianergruppen zur Aufspaltung gezwungen, da der schrumpfende Lebensraum keine ausreichende Versorgung mit Nahrung und Wasser mehr bietet. Die nachstehende Aufstellung gibt einen Einblick in diesen Prozeß: - 1932 – 1936 Chaco-Krieg: Das Militär besetzt wichtige Wasserstellen und tötet etliche Ayoreos. Die Gebietsverluste führen zu ersten Konflikten zwischen den Lokalgruppen der Guidaigosode und Totobiegosode. So töten die Guidaigosode 1955 25 Totobiegosode. - 1948 – 1960 Erdölsuche durch Pure-Öil-Company, Militäreinsätze gegen Ayoreos, Missonierungsversuche der Mennoniten und New Tribes Mission: Bis auf die Totobiegosode geben zwischen 1959 und 1972 die Guidaigosode und Garaygosode auf und werden in elende Missionsstationen der New Tribes Mission (NTM) sowie Salesianer gepfercht. Bis zu 25 % der „Befriedeten“ sterben. Die Garaygosode der salesianischen Mission „Maria Auxiliadora“ töten 1964 20 Totobiegosode.

- Ab 1968: New Tribes Mission benutzt missionierte Guidaigosode zur Jagd auf Totobiegosode. Ergebnis 1968: 14 getötete Totobiegosode, Ergebnis 1969: 10 getötete Totobiegosode

- Ab 1977: New Tribes Mission setzt Flugzeuge für die Sucheinsätze ein: Die Einfangaktionen von 1977 und 1978 sind ohne Ergebnis. - 1978, 26. Dezember: Suchflugzeug der NTM entdeckt Lager der Totobiegosode. Die 24 Personengruppe von Ojoide wird im Januar 1979 eingefangen und zur früheren Missionssiedlung Faro Moro („Leuchtturm für die Wilden“) verschleppt. Ojoide, seine Frau und Tochter sterben kurze Zeit später an Infektionskrankheiten.

- 1984: Die Waldindianergruppe der Totobiegosode unter Führung von Ugaguede spaltet sich in die Gruppen von Ugaguede(gosode) und Ducubaide(gosode).

- 1986, 23. Dezember: Suchflugzeug der NTM entdeckt Lager der Waldindianer. Die 24 Personengruppe von Ducubaide wird eingefangen und am 4. Januar 1987 zur neuen Missionsstation Campo Loro verschleppt. Bei der Einfangaktion töten die sich wehrenden Waldindianer fünf der zur Menschenjagd mißbrauchten Guidaigosode. Zwei Totobiegosode sterben in der Mission an Infektionskrankheiten innerhalb der folgenden drei Wochen.

- 1991, 1994, 1998: gewaltsame Zusammenstöße bei Rodungsaktionen mit den Ugaguedegosode (Anm.: Ugaguede starb Anfang der 90iger Jahre an Athrose). Die Familie Picanerai (sieben Personen) kommt 1998 nach 30jähriger Isolation aus dem Wald (Grund: Vertreibung durch Rodemaschinen, Verfolgung durch Totobiegosode, keine Heiratspartner für die Kinder).

- 1998: Von der etwa 40 Personen umfassenden Gruppe der Ugaguedegosode spalten sich die Aregedeurasade ab.

- 2004, 3. März: Die Aregedeurasade suchen in einer neuen Waldschneise den Kontakt zu ihnen bekannten Totobiegosode aus Campo Loro, die dabei sind das neue Dorf Chaidi zu errichten. Die Gruppe umfaßte 17 Personen und hatte sechs ihrer Mitglieder seit der Trennung von 1998 verloren. Vier Monate nach dem Kontakt stirbt im Juli ihr Ältester Aregede an Grippe.

Die Besorgniserregende Situation der letzten freien Waldleute hält unvermindert an. Nicht nur Waldrodungen tragen zur kritischen Situation bei, sondern auch andere Ereignisse wie z.B. die jährlich stattfindende Autorally des Veranstalters El Touring. Dieser hatte geplant die Strecke deutlich nach Norden auszudehnen. Für den 1. Oktober 2004 wurde eine 75 km lange Strecke durch Amotocodi (Anm.: traditionelles Waldindianerland) vorgesehen. Dazu wurde eine neue Schneise zwischen den Straßen Tte. Montania/Madrejon und Mariscal E./Tte. Picco in den Wald gebrochen, um die beiden Straßen zu verschmelzen. Für die betreffende Region gibt es zwischen Juli 2002 und August 2004 neun Nachweise, die die Anwesenheit von Waldindianern bestätigen. Die Department-Regierung befürwortete die Rally, obwohl für den betroffenen Abschnitt eine breite Ablehnung bei der Bevölkerung bestand.

In einer breiten Aktion über die Initiative „Amotocodi“, die für den Schutz des Gebietes kämpft, der Einschaltung staatlicher Institutionen wie der Indianerbehörde INDI gelang es schließlich den Lauf der Rally umzuleiten. Im März 2005 wurden im Raum von Faro Moro (Gebiet Amotocodi) wieder Waldindianer gesichtet. Sie sind geflohen. Die Totobiegosode waren deshalb bei der Generalstaatsanwaltschaft und haben gefordert, daß man sie in Ruhe lassen soll. Die Zahl der Waldindianer im Chaco wird weiter schwinden, denn außer den geschilderten Ereignissen weiß man nur noch von einem Ayoreo-Mann, der im Wald lebt sowie von kleinen Gruppen die im Grenzgebiet zu Bolivien umher schweifen. Für die bolivianische Seite gibt es die vage Angabe von weniger als vier Familien, die noch in der Wildnis sein sollen.

Die fatale Entwicklung geht einher mit der Landpolitik. Dieses mußte frustriert auch die paraguayische Nichtregierungsorganisation GAT, die seit etlichen Jahren für die Landforderung der Totobiegosode streitet, registrieren. In seinem erneuten Verfahren vom 7. April 2005 hat der Kongress die Enteignung der beiden Ländereien Lunapark (78.000 ha) und Casado (36.000 ha) zugunsten der Totobiegosode endgültig abgelehnt. Dazu GAT am 9. April: „Es bleibt die Tatsache: WER NICHT ÜBER GELD VERFÜGT; VERLIERT... .

Nach wie vor wird von der kolonisierenden Gesellschaft die Nutzungsweise des Landes durch die Totobiegosode als „unproduktiv“ beurteilt. Diese Tatsache macht sich auch bei der Beschaffung von Finanzen für Projekte bemerkbar; es gibt grosse Schwierigkeiten, dass Projekte, bei denen es um Land für Indigene geht, unterstützt werden. Viel leichter ist es, ausländische finanzielle Hilfe für indigene Treffen und Veranstaltungen, für Gesundheit, Schule und "Produktion" zu erhalten. Die einzige Hoffnung bleibt nun, dass das Totobiegosodegebiet, sowohl das bereits legal gesicherte südliche Land als auch die zu schützenden nördlichen Ländereien in die "Reserva de la Biosfera" mit einbezogen werden können. Aber auch bezüglich dieser Möglichkeiten gibt es im nationalen Bereich grosse Diskussionen. Die Departements-Regierungen sind gegen diesen Schutz, da er eventuelle Investitionen bremsen könnte, ...“ Bernd Wegener Freunde der Naturvölker e.V. www.naturvoelker.org